KI ersetzt nicht nur Stellen. Sie verhindert auch, dass neue entstehen.
Das eine hat Schlagzeilen. Das andere nicht.
Vielleicht spüren Sie es selbst: KI macht Sie produktiver, Sie schaffen die Arbeit, für die früher zwei Stellen nötig waren. Ihre Firma sieht das auch. Beim nächsten Wachstumsschritt schreibt sie weniger Stellen aus, als sie ohne KI ausgeschrieben hätte. Diese nicht entstandenen Stellen sind die unsichtbare Seite der KI-Welle.
Die sichtbare Seite ist gut dokumentiert. Die Allianz-Tochter Allianz Partners baut Callcenter-Stellen in mehreren Ländern ab, weil ein KI-Assistent die Gespräche übernimmt. Die deutsche Versicherung Ergo streicht über Jahre verteilt Stellen, ihre Personalvorständin nennt KI explizit als einen Treiber. Axel Springer reduzierte Produktions- und Verwaltungsstellen bei Bild und Welt, Konzernchef Mathias Döpfner hatte KI vorher selbst zur Existenzfrage des Journalismus erklärt.
Über diese Stellen wird geredet. Sie haben Namen, sie haben Sozialpläne, sie haben Schlagzeilen, oft auch das Versprechen, sich umschulen zu lassen. Sie sind aber nur ein Teil des Bildes.
Die andere Seite ist Klarna. Die Firma wuchs weiter, fror aber das Hiring ein. Wer ging, wurde nicht ersetzt. Keine Massenkündigung, keine öffentliche Empörung, trotzdem eine deutlich kleinere Belegschaft. Was an Klarna interessant ist, sind nicht die abgebauten Stellen. Es sind die Stellen, die in einer KI-losen Welt mit dem Wachstum dazugekommen wären und nicht da sind. Diese Stellen lassen sich nicht abzählen. Sie tauchen in keiner Layoff-Statistik auf. Es gibt niemanden, der sie betrauert, weil niemand sie je hatte.
Der österreichische Arbeitsmarkt zeigt genau das Muster, das diese Mechanik erwarten lässt: Die Zahl der offenen Stellen geht zurück, gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit. Wie viel davon KI ist und wie viel Konjunktur, lässt sich nicht sauber trennen. Das liegt in der Natur der Sache: Eine nicht ausgeschriebene Stelle hinterlässt keinen Beweis.
Politisch gehandelt wird auf den sichtbaren Schaden. Auf den Sozialplan, auf die Entlassung, auf die Insolvenz. Auf die nicht ausgeschriebene Stelle gibt es keine Antwort, weil es keinen Adressaten gibt. Wer sich nie bewerben konnte, kommt nicht in die Statistik der Verlierer, sondern bleibt in der Statistik der Erwartung.
Darüber müssen wir reden
Wer offen kommuniziert, wer nicht
Drei Beispiele aus 2025 und 2026, in denen Unternehmen KI explizit als Treiber von Stellenabbau benannt haben.
Allianz Partners, November 2025: Die Reise- und Assistance-Tochter der Allianz baut über 12 bis 18 Monate 1.500 bis 1.800 Callcenter-Stellen ab, vor allem in Frankreich, Spanien und Großbritannien. Hintergrund ist ein KI-Assistent, der nach Konzernangaben hunderte Gespräche gleichzeitig in über 20 Sprachen führen kann; täglich gehen rund 200.000 Anrufe ein. Ein Konzernsprecher gegenüber dem Handelsblatt: "Es ist unausweichlich, dass sich unser Geschäft in dieser neuen Realität verändert."
Ergo (Munich-Re-Tochter), Februar 2026: Personalvorständin Lena Lindemann kündigte im Handelsblatt-Interview an, bis Ende 2030 rund 1.000 Stellen in Deutschland abzubauen, rund 200 pro Jahr. KI nennt sie ausdrücklich als einen Treiber; betroffen sind einfache und repetitive Tätigkeiten in Telefonie und Schadenbearbeitung. Keine betriebsbedingten Kündigungen, etwa 500 Reskilling-Plätze.
Axel Springer, Februar 2023: Mathias Döpfner in einem internen Memo: "Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, unabhängigen Journalismus besser zu machen als je zuvor - oder ihn einfach zu ersetzen." Folge: Stellenabbau bei Bild und Welt in Produktion, Layout, Korrektur und Verwaltung, Sparziel etwa 100 Millionen Euro über drei Jahre. Reporter und Fachredakteure ausdrücklich ausgenommen.
Klarna als Lehrstück für Phantom-Wachstum
Klarna ist der bekannteste Fall einer Firma, deren Geschäft weiterwuchs, während die Belegschaft schrumpfte. CEO Sebastian Siemiatkowski sagte Bloomberg im Dezember 2024: "We stopped hiring about a year ago. We were 4,500, now we're 3,500." Eine Reduktion um 22 Prozent, fast ausschließlich durch normale Fluktuation.
Im Mai 2025 stellte Klarna wieder Customer-Service-Personal ein, weil die KI-Lösung Qualitätsprobleme hatte. In der Tiefe lag der Bestand trotzdem rund 40 Prozent unter dem Vor-KI-Peak. Die Korrektur zeigt, dass das Versprechen "KI ersetzt Menschen vollständig" oft schneller versprochen als eingelöst wird. Sie ändert aber nichts an der eigentlichen Mechanik.
Was in Österreich sichtbar ist
Statistik Austria meldet für 2024 im Jahresschnitt 173.800 offene Stellen, ein Rückgang von 15,8 Prozent gegenüber 2023. Im ersten Quartal 2025 sank die Zahl weiter auf 154.100. Gleichzeitig steigt die Arbeitslosigkeit. Das AMS Salzburg sprach im Juli 2025 vom Anstieg der Arbeitslosigkeit bei gleichzeitigem Rückgang der offenen Stellen, ein Signal dafür, dass Suchende und offene Stellen nicht mehr zusammenpassen (in der Volkswirtschaft als Beveridge-Knick bekannt).
Österreich war 2024 in Rezession, KI ist ein Treiber unter mehreren. Auffällig ist trotzdem, dass österreichische Unternehmen KI-bedingte Personalpläne deutlich zurückhaltender kommunizieren als ihre deutschen oder britischen Schwestern. Ob der Effekt hier kleiner ausfällt oder nur leiser kommuniziert wird, lässt sich von außen nicht unterscheiden. Beides wäre ein Grund, danach zu fragen.
Quellen
- Handelsblatt: Allianz Partners plant wegen KI Abbau von 1.500 Jobs (27.11.2025)
- Handelsblatt: Ergo will bis Ende 2030 rund 1.000 Stellen abbauen (17.02.2026)
- Handelsblatt: Stellenabbau bei Bild und Welt (28.02.2023)
- kress.de: Döpfners KI-Memo im Wortlaut
- Bloomberg: Klarna Stopped All Hiring (12.12.2024)
- CNBC: Klarna CEO says AI helped shrink workforce 40 percent (14.05.2025)
- Statistik Austria: Offene Stellen Q1/2025 (08.05.2025)
- AMS Salzburg: Anstieg Arbeitslosigkeit bei Rückgang offener Stellen (Juli 2025)