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Arbeit

"Das betrifft doch nur die IT." Nein. Es betrifft alles, was am Computer entschieden wird.

KI ersetzt keine Branche. Sie ersetzt Tätigkeiten. Und die meisten davon liegen außerhalb der IT.

“Das betrifft doch nur die IT.” Der Satz fällt verlässlich, wenn es um KI geht. Und er kommt selten aus der IT. Er kommt aus der Buchhaltung, aus der Versicherung, aus der Kanzlei, aus dem Amt. Von Menschen, die ihre Arbeit nie als IT verstanden haben und deshalb glauben, die Sache gehe sie nichts an.

Dabei genügt ein Blick auf den eigenen Arbeitstag. Ein Vorgang kommt herein. Jemand liest, prüft gegen Regeln, vergleicht mit ähnlichen Fällen, schreibt eine Antwort, einen Entwurf, einen Bescheid. Text rein, Text raus. Niemand würde das IT nennen. Es ist Büroarbeit. Und es ist genau die Form von Arbeit, die ein Sprachmodell übernehmen kann. Tätigkeiten dieser Art finden sich auf fast jedem Schreibtisch im Land.

Das Unbequeme daran: Die Verwundbarkeit wächst mit der Qualifikation. Frühere Automatisierungswellen trafen die Fabrikhalle. Diese Welle trifft das Büro, und dort zuerst die gut bezahlten Tätigkeiten, für die man lange studiert hat. Nicht der Maurer steht zuerst auf der Liste, sondern sein Steuerberater.

Selbst wer nicht ersetzt wird, spürt die Verschiebung. Wer KI nutzt, erledigt mehr Fälle pro Tag. Wer sie nicht nutzt, wirkt daneben langsam. Die Messlatte wandert, lange bevor irgendjemandem gekündigt wird. Und sie wandert dort am schnellsten, wo niemand damit gerechnet hat: in Berufen, die sich für KI-fern hielten.

Der Satz “Ich arbeite ja nicht in der Tech-Branche” beschreibt eine Welt, in der IT eine Spezialdisziplin war, eine eigene Abteilung am Ende des Gangs. Diese Welt ist seit Jahrzehnten vorbei. IT ist keine Branche neben anderen. IT ist die Schicht, auf der alle anderen laufen. Wer seine Entscheidungen am Computer trifft, arbeitet auf dieser Schicht. Ob es auf der Visitenkarte steht oder nicht.

Darüber müssen wir reden

Berufe, die niemand als IT einordnen würde

Architektur in der Entwurfsphase. Übersetzung. Erstauswertung in der medizinischen Diagnostik. Vorbereitung und Korrektur im Lehrberuf. Standardberichte im Journalismus. Marketing. Kundenbetreuung am Telefon. Bewerbungsvorauswahl im Personalwesen. Juristische Recherche. Versicherungssachbearbeitung. Steuerberatung. Buchhaltung. Sachbearbeitung in fast jeder Behörde.

Der WEF Future of Jobs Report 2025 nennt als am stärksten schrumpfende Berufe in absoluten Zahlen Büro- und Sekretariatskräfte, Kassenpersonal und Ticketverkäufer. Prozentual schrumpfen Postangestellte, Bankschaltermitarbeiter und Dateneingabekräfte am stärksten. Keiner dieser Berufe gehört zur IT.

Das sind die Stellen, die heute schon wegfallen. Die OECD misst im Employment Outlook 2023 etwas anderes: welche Tätigkeiten KI künftig übernehmen kann. Dort kehrt sich das Bild um. Am stärksten exponiert sind die hoch qualifizierten Schreibtischberufe. Manager, Finanzfachleute, Anwälte, Wissenschafter.

Die Zahlen, falls Sie zweifeln

Die OECD schätzt rund 27 Prozent der Arbeitsplätze in ihren Mitgliedsländern als hoch automatisierbar ein. Goldman Sachs kam 2023 zu einem ähnlichen Befund: Bei rund zwei Dritteln aller Arbeitsplätze in den USA und der EU kann KI Teile der Arbeit übernehmen. Insgesamt hält die Bank etwa ein Viertel aller Aufgaben für automatisierbar. McKinsey rechnet bis 2030 mit 27 bis 30 Prozent automatisierbarer Arbeitsstunden, je nach Region. Nicht 30 Prozent der Berufe. 30 Prozent der Stunden, verteilt über fast alle Schreibtischtätigkeiten.

Der WEF-Report 2025 erwartet bis 2030 weltweit 92 Millionen verdrängte und 170 Millionen neue Stellen. Netto ein Plus. Aber die neuen Stellen verlangen andere Qualifikationen, entstehen oft in anderen Regionen und gehen an andere Menschen als jene, deren Arbeitsplätze wegfallen.

Ein Feldexperiment von Brynjolfsson, Li und Raymond mit 5.179 Kundenservice-Mitarbeitern zeigte: KI-Assistenz steigert die Produktivität im Schnitt um 14 Prozent, bei Berufsanfängern um 34 Prozent. Das klingt nach guter Nachricht für die Anfänger. Für das Team heißt das: Dieselbe Menge Arbeit braucht weniger Köpfe.

Wer kurzfristig sicher ist, und warum nur kurzfristig

Berufe mit hohem körperlichem oder zwischenmenschlichem Anteil sind vorerst geschützt: Pflege, Handwerk, Bau, Reinigung, Logistik, Gastronomie. Der WEF-Report sieht hier sogar das größte absolute Beschäftigungswachstum, weil die Bevölkerung altert und die physische Welt nicht von selbst läuft.

Aber an jedem Betrieb in diesen Branchen hängt eine Verwaltungsschicht: Abrechnung, Bestellung, Personalplanung, Steuererklärung, Behördenkommunikation. Diese Schicht ist exponiert. Der Pflegedienst bleibt, das Backoffice schrumpft. Der Bauunternehmer bleibt, die Auftragskalkulation wandert in die Software.

Quellen
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