wirmuessenreden.at
EN
Geld & Staat

Ein KI-Agent kostet weniger als eine Fachkraft. Für das Sozialsystem ist er ein Totalausfall.

Was Unternehmen sparen, fehlt der Allgemeinheit.

Vor einigen Monaten haben wir einen Teil der App-Entwicklung automatisiert. Arbeit, die vorher Entwicklerstunden gebraucht hat, läuft jetzt über mehrere KI-Agenten, die sich die Aufgaben teilen: Einer plant, andere schreiben Code, wieder andere kontrollieren und testen das Ergebnis direkt in der App. Was am Ende rauskommt, ist Code, der direkt eingesetzt werden kann. Ohne menschliches Zutun.

Wenn ein Unternehmen eine Fachkraft durch einen KI-Agenten ersetzt, sinken die Personalkosten. Das ist die offensichtliche Rechnung. Die weniger offensichtliche: Dieselbe Stelle hat vorher Lohnsteuer, Sozialversicherung und Kommunalabgaben an die Allgemeinheit überwiesen. Vom Bruttogehalt einer 60.000-Euro-Stelle fließen rund 62 Prozent als Abgaben (Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite zusammen) ins Gemeinwesen, das sind etwa 37.000 Euro pro Jahr und pro Stelle. Der Agent zahlt nichts davon.

Er konsumiert auch nicht. Das klingt nebensächlich, ist es aber nicht. Was Angestellte als Lohn bekommen, geben sie wieder aus: beim Bäcker, beim Wirt, beim Friseur. Dort entstehen die nächsten Gehaltszettel, an denen wieder Abgaben hängen. Jeder ausgezahlte Euro dreht sich rund eineinhalb Mal in der heimischen Wirtschaft, bevor er versickert. Der Agent hingegen wird zwar in Euro abgerechnet, aber die Abo-Gebühr geht an OpenAI oder Anthropic in Irland und von dort steueroptimiert weiter in die USA. Das Geld verlässt nicht nur den Gehaltszettel, es verlässt das Land.

Unser Steuersystem wurde in den letzten siebzig Jahren um eine Annahme herumgebaut: dass produktive Arbeit von Menschen geleistet wird und dort, wo Wertschöpfung passiert, ein Gehaltszettel entsteht. Solange die Annahme hielt, war alles finanzierbar, was die Allgemeinheit braucht: Pension, Spital, Schule, Polizei, Gericht, Straße. Jetzt übernimmt Software einen wachsenden Teil dieser Wertschöpfung. Und wo Software arbeitet, hängt kein Gehalt dran. Die Allgemeinheit verliert zweifach. Die Abgaben am Anfang der Kette und den Konsum am Ende.

Darüber müssen wir reden

Die volle Rechnung

Annahme: 60.000 Euro Brutto-Jahresgehalt im Angestelltenverhältnis, 14 Gehälter, keine Kinder, keine Pendlerpauschale, Tarif 2026. Personalkosten Arbeitgeber rund 77.900 Euro, also Brutto plus rund 30 Prozent Lohnnebenkosten (rund 17.900 Euro Dienstgeberabgaben).

Davon fließen rund 36.900 Euro an die öffentliche Hand: rund 10.900 Sozialversicherung Dienstnehmer (18,07 Prozent), rund 8.100 Lohnsteuer (effektive Belastung nach Sechstelbegünstigung und Verkehrsabsetzbetrag) und rund 17.900 Dienstgeberabgaben (Sozialversicherung Dienstgeber, Kommunalsteuer 3 Prozent, Dienstgeberbeitrag zum FLAF 3,7 Prozent, Zuschlag DB 0,38 Prozent, Mitarbeitervorsorge 1,53 Prozent).

Das sind 47 Prozent der Personalkosten beziehungsweise rund 62 Prozent des Bruttogehalts. Pro tausend ersetzter Stellen entgehen der Allgemeinheit rund 37 Millionen Euro pro Jahr.

Wie sieht das in Deutschland und der Schweiz aus?

Deutschland ist über Sozialabgaben (rund 40 Prozent des Bruttogehalts, Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil zusammen) noch stärker exponiert als Österreich. Die Schweiz hat über AHV und Pensionskasse eine deutlich niedrigere Beitragsquote und gleicht das über Direktbesteuerung von Bund, Kanton und Gemeinde aus.

Strukturell trifft alle drei dasselbe Problem: Die Bemessungsgrundlage hängt am Gehaltszettel, und der wird seltener.

Quellen
X / Twitter LinkedIn WhatsApp E-Mail