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Arbeit

Ein Job ist schnell weg. Bis ein neuer nachkommt, vergehen Jahre.

„Es entstehen ja neue Jobs.“ Schon. Nur nicht rechtzeitig für die, die jetzt verlieren.

Wenn es um KI und Arbeitsplätze geht, kommt fast immer derselbe Satz: Keine Sorge, neue Jobs sind schon immer entstanden. Das ist nicht einmal falsch. Rund 60 Prozent der Berufe, die es heute gibt, gab es vor achtzig Jahren noch nicht.

Nur beantwortet dieser Satz die falsche Frage. Es geht nicht darum, ob neue Arbeit entsteht, sondern wann. Und genau da läuft es auseinander: Das Wegfallen geht heute schneller als je zuvor. Das Entstehen ist so langsam wie eh und je.

Dass eine Technik sich so schnell durchsetzt, ist neu. Früher dauerte das Jahrzehnte, weil sie an Fabriken, Maschinen und Leitungen hing, die erst gebaut werden mussten. Software braucht das alles nicht. Sie wird einmal verteilt, fertig. Der Anteil der EU-Unternehmen, die KI einsetzen, ist in nur zwei Jahren von 8 auf 20 Prozent gestiegen.

Das Entstehen neuer Arbeit lässt sich nicht so beschleunigen. Neue Jobs fallen nicht einfach aus der Technik heraus. Sie entstehen erst, wenn neue Branchen wachsen, wenn Leute neue Fähigkeiten lernen, wenn ganze Ausbildungswege stehen. Das dauert. Die 60 Prozent neuen Berufe haben sich über achtzig Jahre angesammelt, nicht über Nacht. Wer heute jung in einem KI-nahen Beruf anfängt, bekommt die schnelle Seite zuerst zu spüren.

Dass so eine Lücke jahrelang offen bleibt, ist keine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, auch wenn die letzte große Welle genauso lief. Als China ab den 1990ern ganze US-Regionen aus dem Markt drängte, waren die Löhne dort zehn Jahre später immer noch im Keller, und die neuen Jobs in anderen Branchen waren nicht da. Am Ende kam der Aufschwung. Nur lagen dazwischen mehr als zehn Jahre, in denen die Leute vor Ort einfach verloren haben.

Zwangsläufig ist das alles nicht. Geldautomaten galten als das Ende der Bankangestellten, und trotzdem wurden es jahrelang mehr, weil Filialen billiger wurden und die Banken einfach mehr davon aufmachten. Wie groß die Lücke wird und wie lange sie offen bleibt, hängt nicht an der Technik. Es hängt daran, ob wir die Zeit dazwischen vorbereiten oder einfach hoffen, dass sich das von selbst wieder zusammenfügt. Dass am Ende alles besser wird, mag stimmen. Nur plant niemand die Jahre bis dahin.

Darüber müssen wir reden

Verschwinden geht heute schneller

Die Ökonomen Diego Comin und Bart Hobijn haben die Verbreitung von 15 Techniken über 166 Länder und fast zwei Jahrhunderte vermessen (American Economic Review, 2010). Im Schnitt vergingen 45 Jahre, bis eine Erfindung breit angekommen war. Der Grund war fast immer derselbe: Eine neue Technik hing an Fabriken, Maschinen, Stromleitungen, an Kapital, das erst gebaut werden musste.

Software hängt an nichts davon. Laut Eurostat ist der Anteil der EU-Unternehmen ab zehn Beschäftigten, die KI einsetzen, von 8 Prozent (2023) über 13,5 (2024) auf 20 Prozent (2025) gestiegen. In Österreich hat er sich laut Statistik Austria binnen eines Jahres fast verdoppelt, von 10,8 auf 20,3 Prozent. Diese Zahlen sagen nur, wie schnell sich die Technik ausbreitet, nicht wie viele Jobs sie kostet. Aber das ist der Punkt: Was früher der Bau einer Fabrik war, ist heute ein Update.

Wenn man beide Seiten getrennt misst

Daron Acemoglu (Wirtschaftsnobelpreis 2024) und Pascual Restrepo haben für die USA versucht, beide Kräfte getrennt zu messen (Journal of Economic Perspectives, 2019): das Wegfallen von Tätigkeiten durch Maschinen und das Entstehen neuer Tätigkeiten. Von 1947 bis 1987 hielten sich beide fast genau die Waage. Die eine senkte die Nachfrage nach Arbeit um 0,48 Prozent pro Jahr, die andere hob sie um 0,47.

Von 1987 bis 2017 kippte das: Das Wegfallen beschleunigte auf 0,7 Prozent pro Jahr, das Entstehen fiel auf 0,35 zurück. Gemessen wird hier der Aufgaben-Inhalt der Arbeit, nicht die Zahl der Jobs unterm Strich. Aber die Richtung ist eindeutig. Seit den späten 1980ern verschwindet Arbeit schneller, als neue nachkommt.

Warum die neuen Jobs nicht von selbst kommen

Dass neue Arbeit entsteht, ist gut belegt. David Autor und Kollegen haben rund 35.000 Berufsbezeichnungen seit 1940 nachverfolgt (New Frontiers, Quarterly Journal of Economics, 2024): Etwa 60 Prozent der US-Beschäftigung von 2018 steckte in Tätigkeitsprofilen, die es 1940 noch nicht gab, bei akademischen Berufen sogar 74 Prozent.

Der entscheidende Befund derselben Studie: Diese neue Arbeit wächst nicht aus der Automatisierung selbst. Sie entsteht dort, wo Technik die Arbeit von Menschen ergänzt, statt sie zu ersetzen, und das geht langsamer. Die 60 Prozent haben sich über acht Jahrzehnte angesammelt. Wie man das aufs Tempo eines Software-Rollouts bringt, hat bis heute niemand gezeigt.

Ein verlorenes Jahrzehnt, und zwar heute

Dafür muss man nicht ins 19. Jahrhundert. Als China ab den 1990ern in den Welthandel drängte, verloren ganze US-Regionen ihre Industrie. David Autor, David Dorn und Gordon Hanson zeigen (Annual Review of Economics, 2016): Löhne und Beschäftigung blieben dort mindestens ein volles Jahrzehnt gedrückt, und die neuen Jobs in anderen Branchen waren da noch nicht aufgetaucht.

Ein Rechenmodell zum selben Schock (Caliendo, Dvorkin, Parro, Econometrica, 2019) beziffert die Lücke: Kurz nach dem Schock lag der Netto-Wohlstandsgewinn für die USA nahe null, bei 0,2 Prozent. Der große Gewinn von 6,7 Prozent kam erst, nachdem die Menschen über rund zehn Jahre in wachsende Branchen und Regionen gewechselt waren. Der Gewinn war echt. Er kam nur ein Jahrzehnt zu spät für die, die zuerst verloren haben.

Verdrängung ist kein Naturgesetz

Die schnelle Seite lässt sich auch bremsen. Geldautomaten galten in den 1990ern als das sichere Ende der Bankangestellten. Der Ökonom James Bessen hat nachgerechnet (2015): Pro Filiale sank das Schalterpersonal von 20 auf 13 (1988 bis 2004). Aber weil Filialen billiger wurden, eröffneten die Banken 43 Prozent mehr davon. Trotz über 400.000 Automaten blieb die Zahl der Bankangestellten zunächst stabil.

Das ist die ehrliche Gegenseite: Wird eine Tätigkeit billiger, kann das die Nachfrage und damit die Beschäftigung sogar ausweiten, statt sie zu vernichten. Wie groß die Lücke wird und wie lange sie offen bleibt, hängt nicht an der Technik. Es hängt daran, was wir in dieser Zeit tun.

Quellen
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