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Arbeit

Umschulung war nie die Antwort. Es klingt nur so.

Die Rechnung scheitert an der Menge: Die Berufe, in die alle wechseln sollen, können nur einen Bruchteil aufnehmen.

Wenn es um KI und Arbeitsplätze geht, fällt ein Satz verlässlich: „Dann müssen sich die Leute eben umschulen lassen.” Er klingt konstruktiv. Vor allem aber beendet er die Diskussion, weil er die Verantwortung verschiebt. Das Problem ist dann nicht mehr die verschwindende Arbeit, sondern der Einzelne, der sich nicht schnell genug neu erfindet.

Rechnen wir nach. Betroffen ist vor allem Büroarbeit, die Schreibtischberufe, die diese Welle zuerst trifft: Sachbearbeitung, Buchhaltung, Assistenz, Verwaltung. In diesen Berufen arbeiten in Österreich hunderttausende Menschen. Auf der anderen Seite stehen die Berufe, die als sicher gelten und tatsächlich Leute suchen: Pflege, Handwerk, Gastronomie. Sie können pro Jahr ein paar tausend Umsteiger aufnehmen. Selbst wenn jeder Buchhalter morgen in die Pflege wechseln wollte: Die Ausbildungsplätze, die Ausbildner und die Stellen für alle existieren nicht.

Dazu kommt, was so ein Wechsel wirklich bedeutet. Aus einem Sachbearbeiter wird kein Pfleger durch einen Kurs. Es ist eine neue, jahrelange Ausbildung, am Ende steht oft weniger Gehalt als vorher, und das alles für einen Beruf, den man sich nie ausgesucht hat und der ein körperlich anderes Leben verlangt. Die Forschung zu erzwungenen Berufswechseln zeigt seit Jahrzehnten dasselbe Muster: Je weiter der neue Beruf vom alten entfernt ist, desto größer der Einkommensverlust.

Mit dem Alter hat das übrigens wenig zu tun. Die Rechnung scheitert nicht am 50-Jährigen, der angeblich nichts Neues mehr lernt. Sie scheitert an der Menge. Auch der lernwilligste Jahrgang passt nicht durch eine Tür, die nur für wenige gebaut ist.

Die Geschichte der Industriestaaten kennt kein Beispiel dafür, dass eine ganze Berufsgruppe erfolgreich auf einen anderen Beruf umgeschult worden wäre. Selbst das Ruhrgebiet, das Lehrbuchbeispiel für bewältigten Strukturwandel, hat seine Bergleute nicht massenhaft zu etwas anderem gemacht. Es hat sie über Jahrzehnte in den Vorruhestand geschickt und den Niedergang mit Subventionen gestreckt, bis der Generationswechsel das Problem erledigt hatte.

Umschulung funktioniert. Für Einzelne, die früh dran sind, in Berufe, die gerade Platz haben. Als Plan für eine ganze Volkswirtschaft ist sie ein Satz, mit dem man das Thema wechselt.

Darüber müssen wir reden

Die Größenordnungen

Rund 425.000 Menschen arbeiteten 2024 in Österreich in Büroberufen, das sind 9,5 Prozent aller Erwerbstätigen (Statistik Austria, Arbeitskräfteerhebung). Dazu kommen Techniker und gleichrangige nichttechnische Berufe, eine Gruppe, zu der viel Sachbearbeitung und Fachverwaltung zählt: weitere rund 800.000.

Dem stehen rund 176.000 offene Fachkräftestellen gegenüber, und zwar quer über alle Branchen, vom Koch bis zum Elektriker (ibw-Arbeitskräfteradar 2025 im Auftrag der WKO). Offene Stellen sind aber keine Umschulungsplätze: Aufnehmen kann ein Beruf nur so viele, wie er auch ausbilden kann. Die amtliche Offene-Stellen-Erhebung von Statistik Austria kommt auf eine ähnliche Größenordnung: 173.800 offene Stellen im Jahresschnitt 2024, Tendenz fallend.

Die Pflege, der meistgenannte Zielberuf, braucht laut Gesundheit Österreich bis 2030 mindestens 51.000 zusätzliche Kräfte; die Prognose rechnet mit 5.000 bis 6.600 neu benötigten Pflegekräften pro Jahr. Österreichs größtes Umschulungsprogramm in diese Richtung, das Pflegestipendium, hatte in den ersten eineinhalb Jahren rund 9.000 Teilnehmer. Das ist ein gutes Programm. Gemessen an 425.000 Bürobeschäftigten ist es eine Stellschraube.

Was ein Wechsel tatsächlich kostet

Pflegeassistenz dauert ein Jahr, Pflegefachassistenz zwei, der gehobene Dienst ist ein dreijähriges Studium (GuKG, ÖGKV). Eine Lehre im Handwerk dauert je nach Beruf zwei bis vier Jahre. Wer mitten im Erwerbsleben wechselt, verbringt also Jahre in Ausbildung, bei reduziertem Einkommen, bevor der neue Beruf überhaupt beginnt.

Und danach? Das IAB, das Forschungsinstitut der deutschen Bundesagentur für Arbeit, hat Jobwechsel der Jahre 2016 bis 2019 ausgewertet: Bei unfreiwilligen Wechseln mit längerer Arbeitslosigkeit endete gut ein Viertel mit Lohneinbußen von mehr als 20 Prozent. Am schlechtesten schneiden Wechsel in Berufe ab, die mit dem alten Beruf wenig zu tun haben. Genau solche Wechsel wären es aber, von der Buchhaltung in die Pflege, vom Sekretariat in die Küche.

Der Praxistest: USA und Ruhrgebiet

Die USA fördern seit Jahrzehnten Umschulungen für Beschäftigte, die ihre Stelle durch Globalisierung verloren haben (Trade Adjustment Assistance). Die große Evaluierung im Auftrag des US-Arbeitsministeriums ergab: Teilnehmer verdienten in den ersten Jahren deutlich weniger als vergleichbare Nicht-Teilnehmer, im vierten Jahr immer noch rund 3.300 Dollar pro Jahr weniger, bei praktisch gleicher Beschäftigungsdauer.

Zum Ruhrgebiet die Daten: 397.000 Beschäftigte im Bergbau am Höchststand 1957, Schließung der letzten Zeche 2018. Über sechzig Jahre Strukturwandel, getragen vom Anpassungsgeld, einem bezahlten Vorruhestand von bis zu fünf Jahren vor dem frühestmöglichen Renteneintritt, plus Milliardensubventionen, die den Ausstieg streckten.

Quellen
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