Das Pensionssystem rechnet damit, dass jüngere Erwerbstätige die heutigen Pensionen zahlen. KI rechnet damit, dass es weniger jüngere Erwerbstätige braucht.
Die Demografie ist schon schwierig genug. Jetzt kommt eine zweite Rechnung dazu, die in der öffentlichen Debatte fehlt.
Das österreichische Pensionssystem ist ein Umlageverfahren. Was heute an Beiträgen hereinkommt, geht heute an Pensionen wieder hinaus. Es liegt kein Geld auf einem Konto und wartet auf Ihren Pensionsantritt. Es gibt einen Generationenvertrag: Die heutige Erwerbsgeneration finanziert die heutige Pensionsgeneration. Deren Kinder zahlen später für sie. Das System hängt also an einer einzigen Annahme. Dass künftig genug Beitragszahler nachkommen.
Diese Annahme ist demografisch schon länger angeknackst. Die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er gehen jetzt in Pension, die Generationen danach sind deutlich kleiner, und es kommen so wenige Kinder nach wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Heute kommen auf einen Über-65-Jährigen gut drei Menschen im Erwerbsalter, 2040 noch rund zwei. Wer dann arbeiten soll, ist heute schon geboren. An dieser Zahl lässt sich nichts mehr ändern. Offen ist nur, wer von außen dazukommt.
Die Folgen stehen längst im Bundesbudget. Der Bund schließt jedes Jahr die Lücke zwischen Beiträgen und Auszahlungen, und dieser Zuschuss wächst. Rechnet man alle pensionsbezogenen Ausgaben zusammen, fließt fast ein Viertel jedes Steuereuros in die Pensionen. Tendenz steigend, noch bevor die Pensionierungswelle der Babyboomer voll angekommen ist.
Das ist die Rechnung ohne KI. Mit KI kommt ein zweiter Effekt dazu. Das Umlageverfahren bezieht seine Beiträge fast vollständig aus Gehaltszetteln. Wenn Wissensarbeit zunehmend von KI-Agenten übernommen wird, verschwindet ein Teil dieser Gehaltszettel. Selbst wenn die verbleibenden Gehälter steigen: Eingesparte Stellen zahlen keinen Cent mehr ein. Die Wertschöpfung bleibt im Land, sie steigt sogar. Aber sie wird nicht mehr in Lohnform ausgezahlt. Und damit zahlt sie nicht mehr ins Pensionssystem ein.
Der Effekt wirkt außerdem zeitversetzt. Wer jetzt nicht eingestellt wird, fehlt dem System zweimal: sofort als Beitrag, und Jahrzehnte später als Karriere, die nie begonnen hat. Die ersten Signale am Berufseinstieg gibt es bereits, in Österreich wie in den USA.
Die politische Diskussion in Österreich kreist seit Jahren um Pensionsantrittsalter und Anpassungsformel. Beide sind legitime Stellschrauben, beide zielen auf den demografischen Teil der Rechnung. Den zweiten Teil, der gerade entsteht, erreicht keine davon. Wenn Wertschöpfung zunehmend von Software erbracht wird, lässt sich ein Pensionssystem nicht reparieren, indem man Menschen länger arbeiten lässt, die ihre Arbeit kaum noch verkaufen können. Eine Verbreiterung der Beitragsbasis über die Gehaltszettel hinaus, Wertschöpfung statt Lohnsumme, kommt in der österreichischen Debatte praktisch nicht vor. Die Demografie kann man seit Jahrzehnten kommen sehen. Den zweiten Effekt sieht gerade kaum jemand.
Darüber müssen wir reden
Was ein Gehaltszettel ins System einzahlt
Vom Bruttogehalt fließen 22,8 Prozent als Pensionsversicherungsbeitrag ins Umlageverfahren: 12,55 Prozent zahlt der Dienstgeber, 10,25 Prozent der Dienstnehmer. Bei einem Brutto-Jahresgehalt von 60.000 Euro sind das rund 13.700 Euro pro Jahr und Stelle.
Damit finanziert die gesetzliche Pensionsversicherung rund 2,56 Millionen laufende Pensionen. Sie gingen zum Stichtag 1. Juli 2024 an etwa 2,3 Millionen Menschen (Statistik Austria). Dass es mehr Pensionen als Bezieher gibt, klingt zunächst seltsam, hat aber einen schlichten Grund: Rund 282.000 Menschen beziehen zwei oder mehr Pensionen gleichzeitig, meist die eigene Alters- oder Invaliditätspension und zusätzlich eine Witwen- oder Witwerpension.
Auf der anderen Seite stehen die Einzahler. Rund 3,68 Millionen Pflichtversicherte, also Erwerbstätige, die über ihre Arbeit laufend Beiträge leisten, trugen das System 2024 (Jahresdurchschnitt, Pensionsversicherungsanstalt). Das ist nicht die Faustzahl aus dem Haupttext: Dort kommen auf einen Über-65-Jährigen rund drei Menschen im Erwerbsalter, doch das ist reine Demografie. Nicht jeder im Erwerbsalter zahlt ein, und nicht jede Pension geht an jemanden über 65. Auf eine laufende Pension kommen real deutlich weniger als drei Einzahler.
Demografie und Bundeszuschuss in Zahlen
Die Geburtenziffer lag 2024 bei 1,31 Kindern pro Frau, dem niedrigsten je gemessenen Wert (Statistik Austria). Der Anteil der Über-65-Jährigen steigt laut Hauptprognose von Statistik Austria von rund 20 Prozent heute auf 26,2 Prozent im Jahr 2040.
Die Beiträge der Erwerbstätigen reichen nicht aus, um die laufenden Pensionen zu finanzieren. 2024 überwies der Bund rund 15,8 Milliarden Euro an die gesetzliche Pensionsversicherung (Arbeiterkammer-Auswertung). Inklusive Beamtenpensionen, Ausgleichszulagen und sonstiger pensionsbezogener Bundesmittel lag der gesamte Budgetaufwand für Pensionen 2023 bei rund 25,7 Milliarden Euro. Das sind rund 23,5 Prozent des Bundesbudgets und etwa 5,4 Prozent des BIP (Daten aus dem Bundesrechnungsabschluss).
Die Alterssicherungskommission rechnet damit, dass allein der Bundesbeitrag zur gesetzlichen Pensionsversicherung bis 2030 erstmals über vier Prozent des BIP liegen wird, gemessen an der heutigen Wirtschaftsleistung rund 20 Milliarden Euro. EcoAustria erwartet kumuliert rund 19 Milliarden Euro Mehrausgaben bis 2030, allein durch die Pensionierungswelle der Babyboomer.
Wo der zweite Effekt einsetzt
Eine Anwaltskanzlei, die statt zehn Juniors zwei einstellt und den Rest an Software vergibt, zahlt für acht Stellen keine Pensionsbeiträge mehr. Die Wertschöpfung der Kanzlei bleibt, die Beitragsbasis schrumpft.
Am Berufseinstieg zeigt sich das bereits. Die Zahl der Lehrlinge im ersten Lehrjahr ging in der Industrie 2025 um 14 Prozent zurück (WKO). In den USA sank die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um rund 16 Prozent, und zwar in jenen Berufen, deren Routinearbeit KI übernehmen kann (Stanford 2025). Beides sind Frühindikatoren mit mehreren möglichen Treibern, auch die Konjunktur spielt mit, aber das Muster passt zur beschriebenen Mechanik.
Quellen
- Arbeiterkammer: Bundesmittel in der Pensionsversicherung 2024
- Pensionsversicherungsanstalt: Jahresbericht und Rechnungsabschluss 2024
- Statistik Austria: Pensionen (Pensionsbezieher 2024)
- Statistik Austria: Bevölkerungsprognose 2025 (Altenquotient 2040)
- Statistik Austria: Geburtenbilanz 2024 (TFR 1,31)
- EcoAustria: Babyboomer in Pension. 19 Mrd. Euro Mehrausgaben bis 2030
- WIFO Research Brief 8/2025: Finanzierungsstruktur der Pensionsversicherung
- Sozialministerium: Mittelfristgutachten gesetzliche Pensionsversicherung 2024-2029