Seit 40 Jahren steigen Produktivität und Löhne nicht mehr im Gleichschritt. KI wird diese Lücke weiter aufreißen.
Wenn Produktivitätsgewinne in Software fließen statt in Arbeitskraft, fließen sie auch nicht in Löhne.
Dass Löhne mit der Produktivität wachsen, war in Österreich zwei Jahrzehnte lang ausverhandelte Praxis mit eigenem Namen: die Benya-Formel. Lohnsteigerung gleich Inflation plus Produktivitätszuwachs. Wer mehr erwirtschaftet, verdient mehr. Richtschnur jeder Kollektivvertragsverhandlung, Fundament der Sozialpartnerschaft.
Seit Mitte der 1980er-Jahre gilt das Versprechen nur noch auf dem Papier. Die Wirtschaft erzeugt pro Arbeitsstunde deutlich mehr Wert als damals, beim Stundenlohn ist davon nur ein Teil angekommen. In Österreich ist die Lücke am kleinsten, in den USA am größten, die EU liegt dazwischen. Aber sie wächst überall.
Was nicht in die Löhne fließt, verschwindet nicht. Es landet in Aktienrückkäufen, mit denen Konzerne Gewinne in den eigenen Kurs stecken, und in steigenden Immobilien- und Wertpapierpreisen, also in Vermögen, das sich oben konzentriert. Wer Kapital besitzt, profitiert vom Produktivitätswachstum mit. Wer nur seine Arbeitskraft hat, immer weniger.
KI hat diese Entkopplung nicht verursacht. Die läuft seit vierzig Jahren. Aber KI verändert ihren Charakter. Bisher hieß Produktivitätsfortschritt: Dieselben Beschäftigten schaffen mit besseren Werkzeugen mehr. Mit KI-Agenten heißt er zunehmend: weniger Beschäftigte, mehr Software. Der Gewinn entsteht nicht durch produktivere Arbeit, sondern durch ersetzte. Für den Teil der Arbeit, der ganz an Software geht, ergibt die Benya-Formel rechnerisch null. Null bezahlte Stunden, null Lohnanspruch.
Bisherige Automatisierungswellen trafen zuerst die Fabrik, dann das Routinebüro. KI erreicht die Tätigkeiten darüber: Texterstellung, Recherche, juristische Prüfung, medizinische Vorbefundung, Programmierung. Genau die Berufe, die bisher als Beweis dafür galten, dass technischer Fortschritt nicht zwangsläufig zu Lohnstagnation führt. Landen die Gewinne auch dort beim Kapital, trifft die Entkopplung nicht mehr nur jene, die sie seit vierzig Jahren kennen. Dann trifft sie die Mittelschicht.
Darüber müssen wir reden
Wie groß ist die Lücke konkret?
EU, Eurostat: Zwischen 2000 und 2024 wuchs die reale Arbeitsproduktivität pro Stunde (inflationsbereinigt) um 25,2 Prozent, der reale Stundenlohn um 9,8 Prozent. Die Lücke beträgt rund 15 Prozentpunkte.
Österreich, Eurostat: Produktivität pro Stunde +26,8 Prozent, realer Stundenlohn +19,3 Prozent, Lücke rund acht Prozentpunkte. Niedriger als der EU-Schnitt, aber das Muster ist dasselbe.
USA, Economic Policy Institute (Stand 2024): Seit 1979 stieg die Netto-Arbeitsproduktivität um über 80 Prozent, der typische Stundenlohn von Vollzeitbeschäftigten aber nur um knapp 30 Prozent. Die Lücke liegt bei über 50 Prozentpunkten und ist seit den 1980er-Jahren gewachsen.
Was die Benya-Formel war
Benannt nach Anton Benya, dem langjährigen ÖGB-Präsidenten. Die Formel: jährliche Nominallohnsteigerung gleich Inflationsabgeltung plus mittelfristiger Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität (BIP pro Arbeitsstunde). Eingeführt in den 1960er-Jahren, etabliert als Richtschnur für Kollektivvertragsverhandlungen in der österreichischen Sozialpartnerschaft.
Die Idee: Wer Produktivitätsgewinne erarbeitet, soll daran beteiligt werden. Kaufkraft bleibt erhalten, der private Konsum trägt die Binnennachfrage, die Sozialpartnerschaft moderiert Verteilungskonflikte.
Gerhartinger, Haunschmid und Tamesberger (Arbeiterkammer Oberösterreich, 2018) datieren den Bruch auf Mitte der 1980er-Jahre. Seither entkoppeln sich Lohnentwicklung und Produktivität in Österreich. Die Lohnquote am Volkseinkommen (der Anteil der Löhne am gesamten erwirtschafteten Einkommen) fiel zwischen 1995 und 2011 von 76 auf 68 Prozent. Die Autoren führen das auf einen Machtverlust der Arbeitnehmerseite zurück: sinkender Organisationsgrad, Globalisierung, schwächere institutionelle Verankerung.
Was prognostiziert die Forschung zu KI-Effekten?
Goldman Sachs Research schätzte 2023, dass generative KI das globale BIP über zehn Jahre um rund sieben Prozent heben könnte, also etwa sieben Billionen US-Dollar zusätzlich. Etwa ein Viertel der heute bezahlten Arbeit in den USA und Europa wäre durch aktuelle KI-Modelle technisch automatisierbar.
McKinsey schätzte im Juni 2023 das jährliche zusätzliche Produktivitätswachstum auf 0,1 bis 0,6 Prozentpunkte bis 2040, je nachdem, wie schnell sich KI durchsetzt. Die BIZ (Notenbank der Notenbanken) erwartet im Jahresbericht 2024 einen moderaten Effekt, keinen Schock.
Diese Prognosen sagen nichts darüber, wer die Gewinne kassiert. Sie sagen nur, dass es Gewinne gibt.
Wo landet das Geld stattdessen?
Die World Inequality Database erfasst die Vermögens- und Einkommenskonzentration zurück bis 1820. Aktuell hält das reichste eine Prozent der Bevölkerung in Europa rund 25 Prozent des Gesamtvermögens, in den USA rund ein Drittel. Beide Werte sind seit den 1980er-Jahren kontinuierlich gestiegen.
Auf Konzernebene fließt in den USA seit den 1980er-Jahren ein wachsender Gewinnanteil in Aktienrückkäufe: von praktisch null auf zeitweise über 60 Prozent in den 2010er- und 2020er-Jahren (Yardeni Research, S&P-500-Daten).
In Europa ist das Aktienrückkauf-Phänomen kleiner, aber auch hier wurden Immobilien und Aktien teurer. Der Eurostat-Hauspreisindex für die EU stieg zwischen 2010 und 2024 um über 50 Prozent. Wer Vermögen besitzt, gewinnt unabhängig vom Arbeitseinkommen.
Bei KI kommt eine neue Komponente dazu: Die Produktivitätsgewinne fließen nicht in neue Stellen, sondern in Software-Lizenzen. Rechnungen von OpenAI, Anthropic, Microsoft. Das Geld geht nicht durch einen Gehaltszettel, sondern direkt in die Bilanz eines US-Konzerns.
Quellen
- Eurostat: Labour Productivity and Unit Labour Costs (nama_10_lp_ulc)
- Eurostat: HICP Annual Index (prc_hicp_aind)
- Eurostat: House Price Index (prc_hpi_a)
- OECD: Productivity and Unit Labour Costs (Data Explorer)
- Gerhartinger/Haunschmid/Tamesberger: Sieben Thesen zur Lohnentwicklung in Österreich (Wirtschaft und Gesellschaft 44/1, 2018)
- A&W-Blog: Benya-Formel gleich produktivitätsorientierte Lohnpolitik
- Yardeni Research: S&P 500 Buybacks
- Statistik Austria: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
- Economic Policy Institute: Productivity-Pay Gap
- World Inequality Database (WID.world)
- BIS Annual Economic Report 2024, Chapter III (KI und Wirtschaft)
- Goldman Sachs: Generative AI Could Raise Global GDP by 7%
- McKinsey: The Economic Potential of Generative AI (2023)