Auch die industrielle Revolution hat am Ende Wohlstand gebracht. Die ersten drei Generationen haben das nicht erlebt.
Ob KI die Welt am Ende besser macht, ist nicht die eigentliche Frage. Die lautet: was bis dahin mit uns passiert. Und ob wir das Bessere noch erleben.
Das beliebteste Argument gegen jede Sorge um KI-Übergänge geht so: „Auch bei der industriellen Revolution dachte man, alles bricht zusammen. Am Ende ging es allen besser.“ Stimmt. Es stimmt nur nicht für die Menschen, die dabei waren.
Zwischen der ersten Spinnmaschine und Bismarcks Sozialgesetzen lagen rund 90 Jahre. Dazwischen: Hungerlöhne, Kinderarbeit, Slums, Aufstände, Cholera. Die Produktivität stieg jahrzehntelang, die Reallöhne nicht. Engels hat die Folgen 1845 in Manchester aufgeschrieben. Erst Generation vier hat von den langfristigen Wohlstandsgewinnen profitiert. Generation eins bis drei haben den Übergang bezahlt.
Jede Übergangsphase hat ihre Verlierer. Wir tun nur gern so, als wären wir es nicht. „Es wird sich schon einpendeln” ist die Trostformel derer, bei denen es schon eingependelt ist. Wen Strukturbrüche treffen, lässt sich schon vor dem Bruch ablesen. Das Muster ist seit Jahrzehnten dasselbe.
KI verschiebt das Profil nach oben, hinein in Berufe, die als Beweis dafür galten, dass Technik die Mittelschicht erzeugt, nicht zerlegt. Genau dort setzt die aktuelle Generation an Sprachmodellen und Agenten an. Menschen, die heute Texte schreiben, programmieren oder Verträge prüfen, haben Berufe, die in zehn Jahren ausgehöhlt sein können. Vielleicht Sie. Vielleicht wir.
Die Frage ist nicht, ob KI auf lange Sicht Wohlstand schafft. Wahrscheinlich tut sie das. Die Frage ist, wer ihn zuerst sieht und wer ihn nie sieht. Beim letzten Mal hat es drei Generationen gekostet, bis die Antwort halbwegs erträglich war. Die Institutionen, die das geschafft haben, sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden nach jahrzehntelangem Druck durchgesetzt, von Menschen, die selbst nichts mehr davon hatten.
Die Hoffnung, „uns“ werde es schon nicht treffen, ist die naivste Variante dieser Geschichte. Im 19. Jahrhundert war „uns“ am Anfang der Adel, dann das Bürgertum, dann die Facharbeiterschaft. Jede dieser Gruppen hat sich für eine Weile sicher gefühlt. Diese Zeit haben wir nicht.
Darüber müssen wir reden
Was Allen ‚Engels-Pause‘ nennt
Der Oxford-Wirtschaftshistoriker Robert C. Allen hat in „Engels' Pause“ (Explorations in Economic History 46, 2009) jene Phase vermessen, in der die britische Produktivität pro Kopf bereits stieg, die Reallöhne aber nicht. Allen datiert die Stagnation grob auf 1790 bis 1840. Vom erwirtschafteten Volkseinkommen ging in dieser Zeit ein immer größerer Anteil an die Kapitalbesitzer, ein immer kleinerer an die Lohnarbeiter.
Erst nach 1840 setzten Reallohnzuwächse ein, und bis sie breit ankamen, vergingen weitere Jahrzehnte. Wer um 1790 ins Arbeitsleben eingetreten war, hat sie nicht mehr erlebt. Die Mechanik dahinter ist nicht exotisch: Wer Kapital besitzt, kassiert die Produktivitätsgewinne zuerst. Wer nur Arbeitskraft hat, später oder gar nicht. Es gibt keinen physikalischen Grund, warum es sich diesmal nicht wiederholen sollte.
Wer sind die Verlierer dieses Mal?
Der MIT-Arbeitsmarktforscher David Autor („Work of the Past, Work of the Future”, AEA Papers and Proceedings 2019) hat nachgezeichnet, wer bei großen Strukturbrüchen in den USA verliert: niedrige formale Bildung, Mitte 40 aufwärts, Wohnort abseits der Wachstumszentren, Tätigkeit mit hohem Routineanteil. Das Muster ist seit den 1980ern stabil.
KI verschiebt das Profil nach oben. Die MIT-Ökonomen Daron Acemoglu (Wirtschaftsnobelpreis 2024) und Pascual Restrepo rechnen in einem NBER-Working-Paper 2024 für die USA seit 1980 vor, dass Automatisierung gezielt jene Tätigkeiten trifft, in denen überdurchschnittliche Löhne gezahlt werden. Das ist die gemessene Geschichte der Automatisierung, keine KI-Prognose. KI erreicht nach derselben Logik die nächsthöheren Lohngruppen: Texterstellung, Recherche, juristische Prüfung, Programmierung, ärztliche Erstdiagnostik. Berufe, die bisher als sichere Seite galten.
Was haben wir gelernt?
Sozialversicherung, Arbeitsschutz, Gewerkschaftsrechte, progressive Besteuerung. All das ist als Antwort auf die industrielle Revolution entstanden. Vom Beginn der Fabrikarbeit bis zu Bismarcks Sozialgesetzen 1883 vergingen fast hundert Jahre. Bis zum modernen Sozialstaat noch einmal 50.
Für solche Antworten haben wir diesmal nicht 140 Jahre. Wir haben nicht einmal 14.
Quellen
- Allen: Engels' Pause (Explorations in Economic History, 2009)
- Allen: The British Industrial Revolution in Global Perspective (Cambridge 2009)
- Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845, Volltext bei Zeno.org)
- Autor: Work of the Past, Work of the Future (AEA Papers 2019)
- Acemoglu/Restrepo: Automation and Rent Dissipation (NBER Working Paper w32536, 2024)
- Acemoglu/Restrepo: Artificial Intelligence, Automation and Work (NBER 2018)