Europa hätte gern ein eigenes OpenAI. Nur entscheidet bei KI, wer am meisten rechnen kann, nicht wer die besten Ideen hat.
Mehr Rechenleistung heißt ein leistungsfähigeres Modell. Hardware und Kapital dafür sind in den USA konzentriert, mitten in einer Speicherknappheit. Aufholen ist kein Willens-, sondern ein Mengenproblem.
Alle paar Monate der Ruf nach einem europäischen OpenAI, einem souveränen Modell aus der EU, finanziert mit Milliarden, die feierlich angekündigt werden. Dahinter steht eine Annahme: Mit genug Willen und genug Geld holt Europa auf. Diese Annahme verkennt, um was für ein Rennen es hier geht.
Wie leistungsfähig ein KI-Modell wird, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie viel Rechenleistung in sein Training geflossen ist. Mehr davon bedeutet in aller Regel ein stärkeres Modell, und an diesem Zusammenhang richtet sich die gesamte Branche aus. Die Währung dieses Rennens sind nicht die guten Ideen, sondern Chips, Strom und Kapital, in Mengen, die nur eine Handvoll Unternehmen überhaupt aufbringt.
Und genau diese Mengen sind konzentriert. Allein die vier größten US-Konzerne geben in einem einzigen Jahr für KI-Infrastruktur deutlich mehr aus, als die EU insgesamt für ihre KI-Strategie in Aussicht stellt. Dazu kommt, dass die entscheidende Hardware knapp ist. Der KI-Boom hat eine Knappheit bei den schnellsten Speicherchips ausgelöst, die Preise sind binnen eines Jahres um ein Vielfaches gestiegen, der Nachschub ist auf Jahre vergeben, großteils an dieselben amerikanischen Käufer. Hier kann man sich nicht einfach einkaufen.
Nehmen wir an, die EU finanzierte trotzdem einen eigenen Champion, mit öffentlichem Geld. Entstehen würde ein staatlich gestützter Mitbewerber in einem Kapitalrennen gegen Firmen, die ein Mehrfaches seines Budgets ausgeben, angewiesen auf genau die amerikanischen Chips und Rechenzentren, von denen er unabhängig machen sollte. Europäisch wäre wenig daran: der Firmensitz, die Flagge im Namen. Die Rechenleistung käme weiter aus derselben Quelle, die Unabhängigkeit bliebe auf dem Papier.
Das ist kein Urteil über europäische Ingenieure oder europäische Forschung, beide sind hervorragend. Es ist eine Aussage über Größenordnungen. Ein Rennen, das darüber entschieden wird, wer am meisten von einer knappen Ressource kaufen kann, gewinnt nicht die Seite, die mit weniger davon startet und weniger Geld hat, um nachzukaufen.
Daraus folgt nicht, dass Europa nichts in der Hand hätte. Es folgt, dass die Kopie von OpenAI der falsche Plan ist. Europas Gewicht liegt dort, wo es ohnehin unverzichtbar ist: im einzigen Unternehmen der Welt, das die Maschinen für die fortschrittlichsten Chips baut, und in der Macht über einen Markt von über 400 Millionen Menschen. Wer ihn beliefern will, muss sich an die hiesigen Bedingungen halten. Diese Regeln zu setzen, ist Europas eigentlicher Hebel, nicht ein Wettrennen um Rechenleistung, das es nicht gewinnen kann.
Darüber müssen wir reden
Die Größenordnung
Allein die vier größten US-Konzerne, Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta, haben für 2026 KI-Investitionen von zusammen knapp 700 Milliarden Dollar angekündigt; schon 2025 lagen sie zusammen bei mehreren Hundert Milliarden. Die EU stellt mit ihrer InvestAI-Initiative 200 Milliarden Euro in Aussicht, verteilt über mehrere Jahre und großteils aus gehebeltem, also nicht frisch bereitgestelltem Kapital. Der eigentliche neue Fonds für KI-Rechenzentren umfasst 20 Milliarden.
Vier Unternehmen kündigen für ein einziges Jahr also rund das Dreifache dessen an, was die EU über Jahre für ihre gesamte KI-Strategie mobilisieren will. Diese Lücke ist kein Rückstand, den man mit etwas mehr Anstrengung schließt. Sie ist die Differenz zwischen einem Industriebudget und einer Fördersumme.
Warum man sich nicht einkaufen kann
Rechenleistung ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Verfügbarkeit. Seit 2025 hat die KI-Nachfrage eine Knappheit bei Speicherchips ausgelöst: Die Preise für gewöhnliche Arbeitsspeicher (DRAM) stiegen bis Ende 2025 um rund 170 Prozent gegenüber dem Vorjahr und legten Anfang 2026 noch einmal kräftig zu. Die schnellsten Speicher, HBM, sind faktisch ausverkauft. Ein einzelner solcher Baustein kostet ein Vielfaches herkömmlicher Chips, weshalb die Hersteller bevorzugt dafür produzieren.
Schätzungen zufolge könnten Rechenzentren 2026 rund 70 Prozent der weltweiten Speicherchip-Produktion verbrauchen, der Nachschub ist auf Jahre vergeben. Wer früh bestellt und am meisten zahlt, bekommt die Ware. Ein neuer Mitbewerber steht am Ende der Schlange, auch mit vollem Konto.
Quellen
- Visual Capitalist: Big Tech AI Spending Over Time (2022 bis 2025)
- CNBC: Tech AI spending may approach $700 billion this year (Februar 2026)
- Europäische Kommission: EU launches InvestAI initiative to mobilise €200 billion (2025)
- CNBC: AI memory is sold out, causing an unprecedented surge in prices (Januar 2026)
- Fortune: Rampant AI demand for memory is fueling a growing chip crisis (Februar 2026)
- Europe 2031 (Szenario, weiterführend)