Noch nie hing das Denken so vieler Menschen an so wenigen Unternehmen. Und fast alle sitzen in den USA.
Im Juni 2026 zwang ein Erlass aus Washington die weltweite Abschaltung eines KI-Modells, drei Tage nach dem Start. Europa konnte nur zusehen, und ob es zurückkommt, weiß niemand.
Eine Handvoll Unternehmen liefert heute die Systeme, mit denen Hunderte Millionen Menschen schreiben, recherchieren und entscheiden. Fast alle dieser Unternehmen haben ihren Sitz in den USA. Die Sprachmodelle, die Cloud, auf der sie laufen, die Chips, auf denen sie rechnen: An jeder dieser Stellen bestimmen wenige amerikanische Konzerne, was möglich ist und was nicht. Eine Infrastruktur dieser Bedeutung war noch nie auf so wenige Unternehmen konzentriert.
Wie wenig abstrakt das ist, hat sich gerade an Fable 5 gezeigt. Anthropic stellte das Modell als sein stärkstes vor, und drei Tage später war es gesperrt. Nicht wegen eines Fehlers, nicht aus einer Entscheidung des Unternehmens heraus. Die US-Regierung erließ eine Exportauflage, die ausländischen Nutzern den Zugriff untersagte. Weil sich eine solche Auflage in einem gemeinsam genutzten Cloud-Dienst nicht für einzelne Nutzergruppen durchsetzen lässt, schaltete Anthropic das Modell für alle ab, weltweit, zahlende Kunden eingeschlossen. Von der Anordnung bis zur globalen Abschaltung vergingen Stunden.
Wer in Europa dieses Modell in seine Arbeit, sein Produkt oder seine Forschung eingebaut hatte, verlor den Zugriff von einem Moment auf den anderen, aufgrund einer Entscheidung, die in Washington fiel und an der Europa nicht beteiligt war. Es gab keine Stelle, bei der man hätte Einspruch erheben können. Die Abhängigkeit ist kein Risiko, das irgendwann eintreten könnte. Sie ist schon da. Den Schalter bedient jemand anderes.
Und sie reicht tiefer als bis zu den Modellen. Auch die Rechenzentren, auf denen Europas KI läuft, gehören überwiegend amerikanischen Anbietern. Die Chips, ohne die kein Modell rechnet, kommen zum allergrößten Teil von einem einzigen US-Unternehmen. Selbst Daten, die physisch in Europa liegen, fallen unter amerikanisches Recht, sobald ein US-Konzern die Server betreibt. Europa mietet nahezu jede Ebene seiner KI, und der Vermieter sitzt auf einem anderen Kontinent.
Machtlos ist Europa deshalb nicht. Die modernsten Chips der Welt lassen sich nur mit Maschinen herstellen, die weltweit ein einziges Unternehmen baut, und dieses Unternehmen steht in den Niederlanden. Der engste Engpass der ganzen Kette ist europäisch. Das ist ein echter Hebel. Aber es ist ein einzelner, einer Abhängigkeit gegenüber, die auf vielen Ebenen zugleich besteht und sich nicht einfach durch ein eigenes europäisches Modell auflösen lässt.
Es geht hier nicht um die Frage, ob die USA ein verlässlicher Partner sind. Es geht darum, dass eine Abhängigkeit dieser Tiefe sich jederzeit von außen unterbrechen lässt und dass die Entscheidung darüber nicht in Europa fällt. Der Fall Fable 5 ist nur der eine, der sichtbar wurde. Dieselbe Möglichkeit hängt über jedem Modell, jeder Cloud, jedem Dienst, von dem hier jemand abhängt.
Darüber müssen wir reden
Was am 12. Juni 2026 geschah
Anthropic stellte Fable 5 am 9. Juni 2026 vor, das leistungsfähigste öffentlich zugängliche Modell des Unternehmens. Drei Tage später, am 12. Juni um 17:21 Uhr Ortszeit Washington, erhielt Anthropic eine Exportkontroll-Direktive der US-Regierung: Niemand ohne US-Staatsbürgerschaft, im Wortlaut der Anordnung kein "foreign national", dürfe Fable 5 und das Schwestermodell Mythos 5 weiter nutzen, weltweit, innerhalb wie außerhalb der USA. Als Begründung nannte die Regierung die nationale Sicherheit. Anthropic verstand den Hintergrund so: Die Behörden glaubten, eine Methode gefunden zu haben, die Sicherheitsschranken von Fable 5 zu umgehen und an die Cybersecurity-Fähigkeiten von Mythos zu gelangen.
Weil sich eine an die Staatsbürgerschaft geknüpfte Sperre in einem gemeinsam genutzten Cloud-Dienst nicht sauber durchsetzen lässt, schaltete Anthropic beide Modelle für alle Kunden ab, auch für zahlende. Die übrigen Modelle blieben verfügbar. Das Unternehmen nannte die Anordnung ein Missverständnis und erklärte, man arbeite an der Wiederherstellung; einen Zeitplan dafür gab es nicht. Wie lange die Sperre dauert und ob das Modell in dieser Form zurückkehrt, ist offen.
Wie tief die Abhängigkeit reicht
Die Konzentration betrifft nicht nur die Modelle, sondern die gesamte Kette darunter. Die führenden Systeme kommen aus einer Handvoll US-Unternehmen, daneben aus einigen chinesischen Laboren. Europas einziges Frontier-Labor von Rang, das französische Mistral, sammelte im September 2025 1,7 Milliarden Euro ein, angeführt ausgerechnet vom niederländischen Chipausrüster ASML, der größter Anteilseigner wurde. Damit bleibt Mistral um ein Vielfaches kleiner finanziert als OpenAI, Anthropic oder Google.
Bei der Cloud entfallen rund 70 Prozent des europäischen Marktes auf drei US-Konzerne: Amazon, Microsoft und Google. Bei den Chips, auf denen KI trainiert und betrieben wird, hält ein einziges US-Unternehmen, Nvidia, je nach Zählweise einen Marktanteil von gut 80 bis über 90 Prozent. Jede dieser Ebenen ist für sich genommen hoch konzentriert. Übereinandergelegt ergeben sie eine Lieferkette, die fast vollständig durch ein einziges Land verläuft.
Auch die Daten: der CLOUD Act
Es geht nicht nur um Rechenleistung, sondern auch um Daten. Der US CLOUD Act von 2018 verpflichtet in den USA ansässige Anbieter, Daten auf rechtmäßige Anordnung US-amerikanischer Behörden herauszugeben, unabhängig davon, wo die Server physisch stehen. Liegen Daten in einem Frankfurter Rechenzentrum, das ein US-Konzern betreibt, können US-Behörden die Herausgabe verlangen. Rechtlich kollidiert das mit der DSGVO.
In der Praxis wird dieser Hebel laut den Transparenzberichten der Anbieter bislang selten gezogen. Entscheidend ist aber, dass er besteht und nicht an europäischem Recht hängt, sondern an amerikanischem. Wer die Server kontrolliert, entscheidet die Rechtsfrage, nicht wer die Daten erzeugt hat.
Der eine Hebel, den Europa hält
Ganz ohne Gegengewicht ist Europa nicht. Die fortschrittlichsten Chips der Welt lassen sich nur mit Maschinen herstellen, die mit extrem ultraviolettem Licht die feinsten Strukturen auf einen Chip belichten, kurz EUV. Diese Maschinen baut weltweit ein einziges Unternehmen: ASML aus den Niederlanden. Nikon und Canon stiegen vor über einem Jahrzehnt aus der Technik aus, niemand sonst hat sie je serienreif bekommen.
Eine EUV-Anlage besteht aus über hunderttausend Bauteilen von Tausenden Zulieferern, das Ergebnis von Jahrzehnten Entwicklung und Milliardeninvestitionen in Forschung. Damit sitzt der engste Engpass der gesamten KI-Lieferkette in Europa. Es bleibt aber ein einzelner Hebel gegenüber einer Abhängigkeit, die auf vielen Ebenen zugleich besteht. Auch auf ASML gibt es längst Zugriffswünsche von außen.
Quellen
- Anthropic: Statement on the US government directive to suspend access to Fable 5 and Mythos 5 (Juni 2026)
- CNBC: Anthropic disables access to Fable 5 and Mythos 5 to comply with government directive (Juni 2026)
- Fortune: Anthropic disables Fable and Mythos AI models following U.S. government export ban (Juni 2026)
- Europäisches Parlament: European Software and Cyber Dependencies (2025)
- carboncredits.com: NVIDIA Controls 92% of the GPU Market in 2025
- CMS: Demystifying the debate on the US CLOUD Act vs European Data Sovereignty
- ASML: ASML and Mistral AI enter strategic partnership (September 2025)
- TrendForce: ASML EUV Dominance
- Europe 2031 (Szenario, weiterführend)